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Zurück in die Zukunft

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Auf der art Karlsruhe im Februar warb das Gutenberg-Museum Mainz mit toll gestalteten, silber spiegelnden Plakaten für seine Sonderausstellung »FUTURA. Die Schrift.« und lockte damit eine Typophile von 3We Bruchsal zur Exkursion in die Pfalz.

Lieblings-Glyphe, gesetzt aus der Futura black

FUTURA – die Zukünftige. Mit diesem verheißungsvollen Namen gelang es dem Typographen Paul Renner ab 1927 eine Schriftfamilie zu etablieren, die den Ausdruck eines modernen Zeitgeistes definierte – als Teil einer avantgardistischen Gestaltungshaltung, die im zeitgenössischen Design einen Blick auf die Zukunft frei gab.

Paul Renner war inspiriert von der Bauhaus-Bewegung und dem Stadtplanungsprogramm „Neues Frankfurt“. Ab 1924 entstanden die ersten Entwürfe seiner revolutionären Schrift. Bis 1954 baute er sie in Zusammenarbeit mit der in Frankfurt ansässigen Bauerschen Schriftgießerei immer weiter aus und entwarf damit ein riesiges Font-Repertoir für Werbegestalter und Gebrauchsgrafiker. Die FUTURA funktioniert als Text- und als Auszeichnungsschrift. Dies macht sie enorm vielseitig und bescherte ihr in der FontShop-Top100-Liste der besten Schriften Platz 7.

Konstruktion Futura

DIE SCHRIFT
Die FUTURA ist der Prototyp einer geometrischen (konstruierten) serifenlosen Linear-Antiqua. Im Vergleich zu früheren serifenlosen Antiquas, wie z. B. der Akzidenz Grotesk, ist die die Form der Buchstaben streng geometrisch aufgebaut. Am deutlichsten ist dies an den nahezu kreisförmigen Binnenräumen der Versalien G, C, Q und den dreieckigen Formen bei A, V, X, Y zu sehen. Paul Renner schuf für die Erstveröffentlichung der Schrift streng geometrisch konstruierte Figuren für die Buchstaben a, g, n, m und r, die im ersten Schriftmusterblatt der Bauerschen Gießerei von 1927 als Spezialfiguren annonciert wurden. Danach wurden sie nicht mehr aufgeführt, was dem Erfolg der Schrift jedoch nicht schmälerte.

Urformen der Futura (rot)

Die FUTURA prägte schon kurz nach ihrer Publizierung das Erscheinungsbild bekannter Marken (z. B. Persil, Bahlsen), die Corporate Identity der Stadt Hannover, Werbematerialien der durch Walter Gropius geplanten Siedlung Dammerstock in Karlsruhe und den Auftritt zahlreicher »moderner« Printmedien und Magazine.
Nach dem zweiten Weltkrieg befruchtete sie das aufblühende Metier der Werbegrafik in Europa und den USA und wurde zur wegweisenden Schrift des Wirtschaftswunders (z. B. Volkswagen).
War die FUTURA im Jahr 1928 eine radikale, avantgardistische, ins Auge fallende Type, wird sie heute, im 21. Jahrhundert, als zeitloser Klassiker verwendet, der Strenge, Eleganz und Klarheit vermittelt (z. B. hansgrohe).

Futura. Die Schrift. Ausstellung im Gutenbergmuseum Mainz 2017

DIE AUSSTELLUNG
Das Mainzer Gutenberg-Musem zeigte in seiner Sonderausstellung die Erfolgsgeschichte der FUTURA, die von Frankfurt aus München (Jan Tschichold), Hannover (Kurt Schwitters), Dessau (Bauhaus), Berlin, Prag, Wien, Paris (unter dem Namen Europe), New York und sogar den Mond (Apollo 11) eroberte.
Auf den im Raum verteilten Ausstellungsinseln wurden die Gestaltungs-Avantgarde dieser Städte vorgestellt und die Verwendung der Schrift anhand vielfältiger und überraschender Exponate präsentiert. Zahlreiche von Renner gezeichnete Schriftskizzen, Schriftproben der Schriftgießerei, Fotos von künstlerischer Lichtarchitektur des Neuen Bauens, Bauhaus-Publikationen, Plakate, Anzeigen und Kataloge, Bücher und experimentelle Typografie im Film, gaben einen Einblick in die Welt der angewandten und künstlerischen Gestaltung mit der FUTURA. Zur Ausstellung erschien ein umfangreicher und sehr schön gestalteter Katalog im Verlag Hermann Schmidt.

DER GESTALTER
Paul Renner – Grafiker, Maler, Typograf, Lehrer und Autor.

  • 1878 geboren in Wernigerode / Harz
  • Studium der Architektur und Malerei in Berlin, München und Karlsruhe
  • 1907–1917 Buchgestalter beim Verlag Georg Müller, München
  • 1910 Mitgründer der Schule für Illustration und Buchgewerbe in München, München
  • 1925–26 Leiter der Abteilung Gebrauchsgrafik und Typografie an der Frankfurter Kunstschule
  • 1926 Direktor der Städtischen Grafischen Berufsschulen, München
  • 1927 Direktor der Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker, München
  • 1928 Futura mager, Futura halbfett, Futura fett
  • 1929 Futura Black
  • 1930 Futura schmalfett, schräg halbfett, dreiviertelfett, schräg dreiviertelfett, schräg mager
  • 1932 Futura licht, Futura Schlagzeile, Futura Buchschrift
  • 1933 Vertreter des Deutschen Reiches für die Gestaltung der deutschen Sektion auf der Mailänder Triennale und Gewinner des Grand Prix.
  • 1933 Enthebung vom Lehramt wegen kritischer Äußerungen über die Kulturpolitik der Nazionalsozialisten
  • 1934 Emigration in die Schweiz und Tätigkeit als Maler
  • 1936 Futura schmalhalbfett
  • 1937 Futura schräg fett
  • 1939 Futura dreiviertelfett
  • 1952 Steile Futura halbfett
  • 1953 Steile Futura kursiv halbfett, fett
  • 1954 Steile Futura kursiv fett, Futura kräftig
  • 1956 verstorben in Hödingen/Bodensee
  • 1957 Steile Futura mager
  • Schriftentwürfe: Futura (1928 –1954) | Ballade (1937/38) | Carus Antiqua (1942, unveröffentlicht) | Hapag Antiqua (o. J., unveröffentlicht) | Plak (1928) | Renner Antiqua (1939)
  • Publikationen: Typografie als Kunst (1922) | Mechanisierte Grafik. Schrift, Typo, Foto, Film, Farbe (1931) | Kulturbolschewismus? (1932) | Die Kunst der Typografie (1939) | Typografische Regeln (1947) | Ordnung und Harmonie der Farben. Eine Farbenlehre für Künstler und Handwerker (1947) | Das moderne Buch (1947) | Vom Hand- und Verleger-Einband (1948) | Funktionelle Typografie (1953) | Der Künstler in der machanisierten Welt. Gesammelte Aufsätze von Paul Renner. (1977)

Gutenbergmuseum Mainz, Druckladen

DAS MUSEUM
Die FUTURA-Ausstellung ist leider inzwischen vorbei, doch das Mainzer Gutenberg-Museum bietet ganzjährig fantastische Schätze (2 Gutenberg-Bibeln aus dem Jahr um 1454, gesichert wie die Kronjuwelen im Londoner Tower), super-anschauliche Präsentationen der revolutionären Gutenbergschen Erfindung (zu jeder vollen Stunde), zahllose bibliophile Kleinode und ein ausgezeichnetes museumspädagogisches Programm (man darf auch selbst mal drucken nach Voranmeldung). TIPP: unbedingt eine Führung buchen!

FAZIT
Gut gemachte, informative Ausstellung, ein tolles Museum und die im Museum allgegenwärtige und mit Paul Renner geteilte Erkenntnis:

„Wie jedes Fenster an einem Haus eine fast menschliche Physiognomie hat, so hat auch jedes Schriftzeichen ein Gesicht; es zeigt einen Charakter, eine Haltung. Alles was man vom Charakter des Menschen aussagen könnte, gilt auch vom Charakter der Schrift. Eine Schrift ist edel oder gewöhnlich, sie ist stolz oder ängstlich, sie ist klar oder verworren, entschieden oder unsicher.“

Quellen:
www.100besteschriften.de
www.linotype.com
Gutenberg-Museum Mainz
TYPOGRAPHY – An Encyclopedic Survey of Type Design and Techniques Throughout History, Friedrich Friedl, Nicolaus Ott (Editor), Bernard Stein
Das wohltemperierte Alphabet, Axel Bertram

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